Herr, unser Gott und Heiland! Welch' unaussprechlich teures Gut hast Du uns in Deinem Worte gegeben. Alles, Alles, was uns hier und dort selig machen kann, ist in Deinem Worte. Du selbst gibst Dich uns darin. Ach! wenn wir Dein Wort nicht hätten, wir wären verloren in Ewigkeit. Erbarmender Gott, lehre uns denn selbst Dein heiliges teures Wort recht gebrauchen. Unterweise uns darin aus Gnaden in dieser Stunde. Wir arme Sünder wissen nicht, was wir mit dem teuersten aller Schätze machen sollen, wenn Du uns darüber nicht erleuchtest und belehrst. O so tue denn das durch Deinen Geist auch heute. Gib, dass wir, die wir so oft Dein Wort hören und lesen, doch einmal rechte Hörer und Täter desselben werden mögen. Herr Jesu, Du ewiges Wort, erbarme Dich über uns und lass in Erfüllung gehen, was Du als treuer Hoherpriester einst für uns batest, da Du sprachst: Heilige sie, Vater! in Deiner Wahrheit; Dein Wort ist Wahrheit. Erhöre uns um Deiner selbst willen! Amen.
Dass wir den Feiertag nur durch Gottes Wort recht heiligen können, davon sind wir gewiss Alle überzeugt. Aber es kommt Alles darauf an, wie wir es machen, wie wir an das Wort Gottes gehen, wie wir es ansehen, wie wir es behandeln. Dazu bedürfen wir einer Anweisung, und die gibt uns unser Katechismus-Vater, Luther, in seiner Erklärung des dritten Gebotes. Hört das Gebot und die Erklärung.
2 Mos. 20, 8.
Du sollst den Feiertag heiligen.
Luthers Erklärung:
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen.
Eine Unterweisung zum rechten Gebrauche des Wortes Gottes, nach den eben verlesenen Worten Luthers, soll heute den Inhalt unserer Betrachtung ausmachen.
Es heißt zuerst: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten.
Die Verachtung der Predigt und des Wortes Gottes kommt zunächst aus dem Unglauben. Es führen wohl Viele den Namen Gottes im Munde, aber im Grunde glaubt man doch an keinen lebendigen Gott, man fürchtet Ihn nicht, man liebt Ihn auch nicht. Ebenso spricht man wohl auch von einem Worte Gottes, aber wie Viele glauben es denn, dass dieses Wort von Gott selbst geredet, von Ihm selbst den heiligen Männern eingegeben worden, dass dieses Wort gewiss und wahrhaftig Gottes Gedanken und Ratschlüsse enthält, dass Er darin sein Herz ausgeschüttet, dass Er darin in sein innerstes Wesen uns sehen lässt? Wird doch dieses in unseren Tagen. sogar von vielen Frauen und Kindern geleugnet. Was soll uns die Bibel? heißt es da. Wer steht uns dafür, dass es wahr ist, was sie erzählt? Sie wird wohl eben solch ein Buch sein, wie jedes andere. Und da fängt man denn an, seinen Witz und seine Afterweisheit daran zu probieren. Dies, sagt man, sei unmöglich: das streite gegen die gesunde Vernunft; das wiederum sei nur ein Bild, eine jüdische Vorstellung, und das müsse man so und so deuten. Es kommt darauf hinaus, dass man nur das für Gottes Wort halten will, was man sich mit seinem Alltagsverstande selber sagen kann. Man will darum am liebsten auch das nur predigen hören, was nicht über die Religion, die man sich selber fertig gemacht hat, hinausgeht. Und so ist es denn natürlich, dass man die Predigt des eigentlich wahrhaftigen Wortes Gottes, die Predigt der verborgenen Weisheit, der Geheimnisse Gottes, des gekreuzigten Christus, die Predigt der Wahrheit, die man aus eigener Vernunft und Kraft weder wissen, noch verstehen kann, dass man sie verachtet, für eine Torheit hält, sich daran ärgert, ja sie wohl gar anfeindet. Wo es so steht, da wird man freilich am Sonntage nach jedem anderen Buche, und sei es auch das schalste, lieber greifen, als nach der Schrift, und alles andere lieber hören, als die Predigt des Evangeliums.
Aber nächst dem Unglauben ist es auch wirklich die Unwissenheit, die so Manche in der Verachtung des göttlichen Wortes dahingehen lässt. Man ist mit der Bibel unbekannt, man kennt die Schätze gar nicht, die sie in sich schließt; die Geheimnisse und Wahrheiten, von denen jedes schon das ganze Herz beseligen kann, sind einem verborgen, oder wenn man sie hört, versteht man ihren Sinn nicht; wenn man sie liest, bleiben sie einem dunkel und verschlossen. Man ist so gewöhnt, die ganze Religion nur in ein paar dürftige Ideen von Gott und Vorsehung, von Tugend und Unsterblichkeit zu setzen, und denkt dabei noch Wunder, was man hat. Die ganze Fülle der in der Schrift geoffenbarten Wahrheiten aber übersieht man, man lässt sie liegen, man kümmert sich nicht darum. Man denkt: es ist genug, wenn du nur die Hauptsachen weißt, damit kannst du schon durchkommen. Aber am Ende ist das, was man für die Hauptsache hält, nichts. Ja, Bekanntschaft mit dem Worte Gottes, Lesen, Forschen, Auslegen desselben, tut Not, wenn die Predigt des Evangeliums und die Schrift unter uns nicht aus Unwissenheit verachtet werden soll. Darum, m. L., lege ich es Euch ans Herz, recht ernstlich zu bitten, dass Euch der Herr Gelegenheit schenke, mit seinem Worte näher bekannt zu werden und dasselbe richtig verstehen zu lernen. Es ist eine große Gnade, wenn Gott sein Wort im Schwange gehen lässt; es ist das schwerste Strafgericht, wenn Gottes Wort unter den Scheffel gestellt wird, wenn die Lehre und der Unterricht in demselben gehemmt wird. Das lehrt uns jene Zeit vor der Reformation zur Genüge. Lieget es euch darum an Eurer Seelen Seligkeit, so bittet den Herrn, dass Er Euch sein Wort reichlich bieten möge, bittet täglich darum, wenn Ihr das Vater Unser betet. Denn dass der Name Gottes geheiligt werde, dass sein Reich zu uns komme, sein Wille geschehe, und Alles, was wir sonst noch zu unserem wahren Seelenheile erflehen, das hängt Alles davon ab, dass das Wort Gottes unter uns wohne and wachse und ungehindert und mit aller Freudigkeit gelehrt und gepredigt werde.
Doch, meine Freunde, wir wollen es uns nicht verhehlen, dass die Verachtung der Predigt und des Wortes Gottes auch daraus kommt, dass man die Welt mehr liebhat, als Gott. Wer von der Welt ist, der denkt und redet von der Welt, und liest und hört am liebsten, was von der Welt ist. Wenn Du also die ganze Woche in und mit der Welt gelebt hast und Du bringst es nun auch über Dich, am Sonntage die Bibel in die Hand zu nehmen, oder die Predigt des göttlichen Wortes zu hören, sage: wie wird die Bibel und die Predigt Dir vorkommen? Nicht wahr? wie eine Antiquität, wie ein Gespenst. Was soll ich damit machen? wirst Du sagen. Was soll mir dieser Jesus? Wie kann ich den brauchen für mein Leben? Nicht wahr? Alles, was du liest und hörst, wird in dem grellsten Kontraste stehen zu Deinen sonstigen Lebensansichten und zu Deinem täglichen Tun und Treiben. Die Glaubenswelt, in die das Wort Gottes Dich einführt, sie hat gar keine Wahrheit für Dich; sie kommt Dir vor wie ein Machwerk der bloßen Einbildung, wie eine Fabel, wie ein Märchen. So ist es, meine Freunde, wahrlich! so ist es, wenn wir nicht täglich im Worte Gottes bleiben und leben. Gebt Eure Seelen nur Einen Tag der Welt hin und dem, was in der Welt ist, der Augenlust und Fleischeslust und Hoffart, und bald wird Euch das Wort Gottes fremdartig vorkommen, ja zuwider sein. Sättiget Euch nur einen Tag mit den Träbern der Welt, und Morgen schon habet Ihr einen Ekel an dem Worte des Herrn. Stundenlang kann es vor Euch liegen, und Ihr greift lieber nach allem Anderen rechts und links, als nach dem Worte Gottes. Wollet Ihr darum den Feiertag, wie es der Herr will, mit seinem Worte heiligen und davon wirklich etwas haben, o so seht zu, wie Ihr nicht allein am Sonntage, sondern täglich die Welt verleugnen möget mit ihrem ungöttlichen Wesen. Denn wahrlich! so viel wir der Welt leben, so viel sehen und hören wir im Worte Gottes nichts. Und nur so viel wir der Welt absterben, so viel sehen und hören wir im Worte Gottes, so viel kommt davon in unser Herz und Leben, so viel bleibt uns in Ewigkeit.
Aber Christen, eine Verachtung der Predigt und des Wortes Gottes ist es nicht minder, wenn man nicht Alles, was Gott zu uns redet, sondern nur immer das und das, was einem gerade angenehm ist, hören und lesen will. Solche Leute kann man mit Recht ekele Geister nennen. Sie haben an der Predigt und am Worte Gottes immer etwas auszusetzen. Bald ist es ihnen zu hart und zu strenge, bald ist es ihnen zu weich und zu milde. Bald stoßen sie sich an einen Ausdruck, bald ist ihnen das Ganze zu einfach. Bald meint man, das passe für einen nicht mehr, darüber sei man schon längst hinweg, das gehöre nur für die und die, und was dergleichen mehr. Ja man kann wohl gar dahin kommen, zu wähnen, als bedürfe man der Warnung, der Züchtigung, der Strafe, als bedürfe man des Gesetzes und der Bußpredigt nicht mehr, als gehen einem die Gebote Gottes nichts mehr an, man sei nun schon so vollkommen, dass man nur noch eine Aufmunterung nötig habe; man will lauter Evangelium, lauter Süßes hören. Hüten wir uns, meine Freunde, vor solcher und jeder Verachtung des göttlichen Wortes, und am meisten da, wo wir uns einbilden, wir lieben Gottes Wort.
Das zweite Stück in Luthers Unterweisung zum Worte Gottes heißt: Wir sollen die Predigt und das Wort Gottes heilighalten.
Heilighalten! was heißt das? Nun, gerade das Gegenteil von allem dem tun, was die tun, welche die Predigt und das göttliche Wort verachten. Heilighalten können und sollen wir nur das, was von Gott selbst ausgeht. Vor Allem wird also hier von uns gefordert, das wir glauben, und zwar von ganzem Herzen glauben, dass Er der heilige, lebendige Gott selbst es ist, der aus der Predigt und aus seinem Worte zu uns redet. Alles, Alles hängt von diesem Glauben ab. Und darum können wir uns dieses nicht oft genug einschärfen. Ja ich muss Euch dringend dazu auffordern, den Herrn selbst darum zu bitten, dass Er Euch diesen Glauben schenke. Denn nehmt Ihr die Schrift in die Hand und es kommt Euch nicht zum Bewusstsein, jetzt redet der wahrhaftige Gott zu mir, der Gott, dessen Wort Wahrheit ist, der Gott, der mich einst nach diesem seinem Worte richten wird, nehmt Ihr die Schrift gedankenlos zur Hand, wie jedes andere Buch, ohne dass es Euch durchs Herz geht, wer darin redet, wer da gebietet, wer da tröstet, wer da leidet und stirbt, wer die Sünder zu sich ruft, kurz, ohne den Glauben, dass der wahrhaftige Gott jetzt zu Euch und mit Euch redet: dann, das versichere ich Euch, werdet Ihr keinen Nutzen vom Lesen des Wortes Gottes haben, denn Ihr haltet es nicht heilig. Fragt Euch doch einmal: was ist der Grund, dass man so oft weder beim Lesen der Schrift, noch nach dem Lesen derselben, Erleuchtung, Erbauung, Trost und Segen spürt? Was ist es, dass man das ernsteste Wort hundert Mal lesen kann und man lässt sich doch nicht strafen, nicht bekehren, man richtet sein Leben doch nicht danach ein? Und so das tröstlichste Wort, und man lässt sich doch nicht trösten, man liest es noch hundert Mal, und quält sich doch immer wieder ab und kommt zu keinem Frieden? Was ist der Grund davon? Das ist es, dass man das Wort Gottes nicht heilighält; man glaubt es nicht, dass der wahrhaftige Gott da sei und zu einem rede. ich bitte Euch, m. L., erinnert Euch doch jedes Mal daran beim Lesen der Schrift. Und auch, wenn Ihr kommt, die Predigt des göttlichen Wortes zu hören, sucht darin doch nicht bloß eine Unterhaltung, wollt doch nur nicht bloß etwas Neues hören; hört doch nicht die Predigt des Wortes Gottes, wie jedes andere Menschengerede! Sagt es Euch einmal selbst: Warum schafft die Predigt so wenig in uns? Warum können so Viele höchstens nur über die Predigt reden, aber so Wenige nach der Predigt tun? Warum ist bei so Manchen noch ein solches ekeles Mäkeln an der Speise, die hier dargeboten wird? Ich frage Euch Alle: Glaubet Ihr jedes Mal, wenn Ihr hier die Predigt des Wortes Gottes hört, dass nicht ich zu Euch reden will, dass nicht der schwache Mensch Euch warnen, bitten, trösten, einladen will? Glaubet Ihr, dass der wahrhaftige Gott selbst hier ist und zu Euch aus seinem Worte redet, dass Er, Er selbst es ist, der da warnet und straft, der da bittet und ladet? Glaubet Ihr das? Kämt Ihr wirklich, von diesem Bewusstsein durchdrungen, in die Predigt: seht, dann würdet Ihr Euch als gehorsame Kinder unter das Wort Gottes stellen, so wahr Ihr ja doch Alle Gott fürchten und lieben wollt; dann würde Keiner an dem Worte des Lebens mäkeln; dann würde es nicht heißen: das und das hat er, der Mensch, der Prediger gesagt; dann würde man aufhören, über die Predigt zu sprechen, man würde anfangen, nach der Predigt zu tun und zu leben. Ja wahrhaftig, wo die Predigt des Wortes Gottes unter uns heilig gehalten würde in diesem Sinne, da müsste jede Predigt gesegnet sein an Euren Seelen.
Freilich könnte jemand sagen: Wer bürgt mir dafür, dass ich in der Predigt auch jedes Mal das reine Wort Gottes höre? Es sind am Ende des Predigers eigene, selbst erfundene Gedanken, die Er nur für Gottes Wort ausgibt. Wie soll ich da nun von vorn herein mit dem Glauben in die Predigt kommen, dass darin der wahrhaftige Gott selbst zu mir rede? Nun, meine Freunde, ich zwinge Keinen, meine Predigt für Gottes Rede zu halten; aber ich ermahne einen Jeden, es so zu machen, wie die Berrhöer es machten, da sie das Wort aus dem Munde des Paulus hörten. Sie forschten nämlich fleißig in der Schrift, ob es sich also hielte, wie er geredet. Ihr habt die Schrift. Seht und forscht nach jeder Predigt, ob es sich so halte, wie die Schrift sagt und lehrt. Ich bitte Euch darum, ja ich bin von Amtswegen und nach den Grundsägen unserer Kirche dazu verpflichtet, Euch beständig dazu zu ermahnen und anzuhalten. Ich bin verpflichtet, allen denjenigen, welche Auskunft und Belehrung über die Predigt und das Wort Gottes wünschen, solche zu geben. Jederzeit bin ich bereit, den Fragenden und Suchenden gern zu dienen. Beschwere sich also Niemand, dass ihm in der Predigt etwas geboten werde, wovon er doch nicht recht wisse, ob es Gottes Wort sei, oder nicht, und dass er daher nicht so ganz zuversichtlich glauben könne, ob Gott selbst hier zu ihm rede. Prüft, seht. Aber wenn Ihr es Euch gestehen müsst, ja, die Predigt ist das reine Gottes Wort: o dann fangt doch an, die Predigt heilig zu halten, kommt doch nie in die Predigt, hört sie nie, ohne Euch zuvor in dem Gedanken zu sammeln, jetzt redet Er, der wahrhaftige Gott, selbst zu mir. Denkt doch daran, dass der Prediger, wenn er das Wort im Namen Gottes ausspricht, dass er sich ebenfalls als armer Sünder unter das Wort stellet, dass dasselbe Wort, womit er Andere warnet und straft, ebenso auch ihn warne und strafe und verurteile. Ich bitte Euch, m. L., seht bei der Predigt ab von dem Menschen, verwechselt nicht Gottes Stimme mit dem Geschöpfe. O lasst uns doch zusammen als die gehorsamen Kinder uns unter das Wort stellen. Zusammen lasst uns hier jedes Mal sprechen: Rede, Herr! Dein Knecht hört. Zusammen lasst uns die Predigt und das Wort Gottes heilighalten, dann wird der Segen Gottes auf Lehrer und Hörer kommen.
Und nun das dritte Stück der Unterweisung zum Worte Gottes: Wir sollen die Predigt und das Wort Gottes gern hören.
Auf das gern hören, oder wie Jacobus sagt, auf das Schnellsein zum Hören, darauf kommt viel an, meine Freunde Doch versteht darunter ja nicht jene Sucht, die immer nur was Neues hören will und nicht genug hören kann, wobei es aber, wie das Sprichwort sagt, gewöhnlich so ist, dass das, was in das eine Ohr hineingeht, aus dem anderen wieder herausgeht. Nein, das Wort Gottes gern hören, das heißt: es mit ganzer Liebe, mit der höchsten Sehnsucht des Herzens, mit Hunger und Durst hören, wie Maria; alles andere gering achten gegen die Augenblicke, wo einem das Wort des Lebens geboten wird, und, wie es in dem Psalm heißt, denken: Ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend, und Dein Wort ist süßer, denn Honig, und Deine Zeugnisse besser, denn Geld und viel feines Gold. Wenn wir nun jedes Mal in die Predigt kommen mit dem Bewusstsein, Er, der wahrhaftige, lebendige Gott, will nun zu uns reden, wie, sollten wir da nicht gern hören wollen? Jedes seiner Worte ist ja ewige Wahrheit, keines seiner Worte täuscht; was Er zusagt, das hält Er gewiss, seine Verheißungen sind alle Ja und Amen. Mit jedem Worte schließt Er uns sein Vaterherz auf, jedes Wort soll das Saatkorn einer ewigen Frucht in unserem Herzen sein, mit jedem Worte will Er uns erleuchten, bekehren, trösten, heiligen, selig machen. O Seele, hast du den wahrhaftigen Gott in Jesu erkannt und Jesus, die ewige Liebe, redet nun zu dir, wirst du seine Worte nicht gern hören? Sagt Er ja doch von Allen, die Ihn sehen und hören konnten: Selig sind, die da sehen, was ihr seht, und die da hören, was ihr hört. Könige und Propheten sehnten sich, meinen Tag zu sehen und haben ihn nicht gesehen. Nun, Christen, wir sehen in dem Evangelio den wahrhaftigen Gott, unseres Fleisches und Blutes teilhaftig, unter uns wohnend und wandelnd; Gottes innerste Gedanken, Gottes ganzes Herz gegen uns, das wird uns mitgeteilt, das wird uns aufgeschlossen zu unserer Seelen Seligkeit. Jesus redet. Sollten wir nicht gern hören?
Aber, meine Freunde, zum Hören gehören Ohren. Nicht umsonst sagt der Heiland sehr oft zu denen, die Ihn hörten: Wer Ohren hat, zu hören, der höre! Das setzt also voraus, dass Einige und vielleicht die Meisten keine Ohren haben, das heißt, es fehlen ihnen die Ohren, die zum Hören des Geistigen, Göttlichen und Ewigen taugen. Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste und Worte Gottes, es ist ihm eine Torheit. Er hört vielleicht alle Sonntage und hört doch nichts heraus; er behält vielleicht auch viel im Gedächtnisse, aber er hat doch nichts davon. Er hört von Christo, von seinem Leiden und Sterben, von Gnade und allen himmlischen Dingen, aber es bleibt ihm ein Gleichnis; er fasst diese Dinge allenfalls wohl auch in seinem Kopfe und bildet sich ein, nun habe er es, aber es ist nichts. Es kommt ihm das Wort Gottes nicht in das innerste Herz, es fällt das göttliche Samenkorn nicht in die tiefste Tiefe der Seele, es durchschneidet ihm das Schwert des Geistes nicht Mark und Bein, sondern es schwirrt ihm höchstens bloß im Kopfe herum. Seht, darum sagt Paulus: Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen, was Gott bereitet hat denen, die Ihn lieben, das hat Er uns offenbart durch seinen Geist, das heißt, kein Mensch versteht aus eigener Vernunft und Einsicht das Wort Gottes; Keiner hat von Natur ein Ohr dafür, sondern der Geist Gottes muss uns erst die Ohren öffnen. Und wenn wir auch das leiseste Gehör von Natur haben, und wenn uns auch kein einziges Wort von der ganzen Predigt entgeht: es ist doch ebenso gut, als ob wir nichts gehört hätten, wenn der Geist Gottes uns nicht Ohren gemacht hat, wenn wir nicht mit Ohren dieses Geistes gehört haben.
Seht, darum kann ich Euch nichts dringender ans Herz legen, als dieses. Jedes Mal nämlich, wenn Ihr das Wort lesen oder hören wollt, bittet, o bittet den Herrn von ganzem Herzen, dass Er selbst Euch zuvor die Ohren öffnen möge. Unterlasst das ja nie, tuet es auch während des Lesens und Hörens. Wahrhaftig! es ist sonst alles Lesen und Hören umsonst. Verschmähet auch diesen Rat nicht, den ich Euch noch zum gesegneten Hören des Wortes Gottes geben will. Sind Eure Gedanken nämlich im Gebete zum Herrn gesammelt (und das ist die Hauptbedingung eines rechten Hörens, dass wir nicht mit zerstreuten, eigenen Gedanken dasitzen, sondern dass wir von Allem unsere Seele abziehen und für nichts Anderes Sinn haben, als für das Wort Gottes, das wir hören sollen): dann hört aber auch die Predigt mit ganzer, ungeteilter Aufmerksamkeit, ja ich muss hier sagen, mit Selbstverleugnung. Gebt Euch nicht diesen und jenen unnützen Gedanken, die in Euch während der Predigt aufsteigen könnten, hin; lasst Euch durch nichts in Euch und außer Euch stören, Ihr verliert darüber das Ganze, Ihr missversteht, Ihr kommt in Eure eigenen Gedanken hinein. Werft Alles weg und hört nur, und bemüht Euch, zu behalten. Dann aber, wenn Ihr aus der Kirche kommt, dann versäumt ja nicht, darum bitte ich Euch, das Gehörte für Euch im Gebete noch einmal durchzumachen. Da denkt über jedes Einzelne aus der Predigt nach; da wendet es an auf Euer Herz und Leben; da bittet den Herrn, dass Er nun jedes Wort an Euren Seelen lebendig machen möge. Versäumt das ja nicht, meine Freunde Es ist dies Beten nach der Predigt ebenso wichtig, als das vor dem Hören. Warum kommt der Teufel und nimmt das Wort von so vielen Herzen, kaum dass sie es gehört? Darum, dass sie hingehen und das Gehörte verschwatzen, und ihre Seele in der Welt zerstreuen lassen und an das Durchmachen der Predigt vor dem Herrn und in der Kammer des eigenen Herzens nicht denken. So viel über das dritte Stück unserer heutigen Katechismus-Unterweisung.
Und nun noch in Kurzem das Vierte: Wir sollen die Predigt und das Wort Gottes auch lernen.
Ja, lernen, meine Freunde, und zwar alle Tage. Viel Verkehrtheit herrscht in dieser Beziehung auch in unserer Zeit. Womit glaubt man nämlich am leichtesten fertig zu sein? Mit dem Worte Gottes und mit göttlichen Dingen. Da halten sich die Meisten für gelehrt genug, da glaubt Jeder genug zu verstehen, um zu urteilen und abzusprechen. Wollen wir das nicht tun, m. Z., und zwar aus dem Grunde, weil wir sonst blind und unwissend bleiben unser Leben lang. Wollen wir es lieber so machen. Jedes Mal, wenn wir das Wort Gottes in die Hand nehmen, dann lasst uns sprechen: ach Herr! ich weiß noch gar nichts, ich bin noch so blind, ich verstehe noch so wenig von Deinen Gedanken und Wegen. Und jedes Mal, wenn wir in die Predigt kommen, dann lasst uns sprechen: ach! mein ganzes Sinnen und Trachten ist noch so verkehrt, meine Seele so jämmerlich, mein Leben so sündenvoll, mein Herz ist noch so hart und ungehorsam, so ungläubig. Lieber Gott! mache es doch anders mit mir; lass mich aus Deinem Worte und aus der Predigt doch etwas Rechtes lernen.
Arm am Geiste und als Unmündige, so müssen wir an das Wort Gottes gehen: denn die Welt in ihrer Weisheit kann Gott in seiner Weisheit nicht begreifen. Und ich danke Dir Gott, sagt Christus, dass Du es hast verborgen den Weisen und offenbart den Unmündigen; also ist es wohlgefällig gewesen vor Deinen Augen. Gehen wir so an das Wort Gottes, dann wird auch der Geist aus der Höhe in uns kommen, der uns nicht allein das Verständnis des Wortes öffnen, sondern der uns auch unser ganzes Inneres aufdecken wird. Und das ist die Hauptfache. Wir müssen in die verborgensten Winkel unseres Herzens sehen, wir müssen unsere ganze innere Gestaltung vor Augen haben können. Wir müssen es erkennen und fühlen, worauf das Wort Gottes jedes Mal in uns zielet; wir müssen es anwenden können auf uns. Nur dann haben wir recht gehört, nur dann lernen wir etwas. Und was uns dann das Wort Gottes auf diese Weise gibt, das muss durch Gebet und Flehen festgehalten, das muss bewahrt, das muss getan und geübt werden, wollen wir uns nicht selbst betrügen. Kein Schüler lernt etwas ohne tägliche Übung. Wir lernen nichts vom Worte Gottes, wenn wir es nicht halten, nicht tun und üben. So jemand ist ein Hörer des Wortes und nicht ein Täter, der ist gleich einem Manne, der sein leiblich Angesicht in dem Spiegel beschaut. Nachdem er sich beschauet hat, geht er von Stund' an davon und vergisst, wie er gestaltet war. Wer aber durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und darinnen beharrt, und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, derselbe wird selig sein in seiner Tat. Ja, selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen.